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Charlotte Gaertner

Landkarte

Themenkompass

Frische Zeltlektüre

Auf dem Peaks of the Balkans durch die Albanischen Alpen.

Ein Gastartikel von Anna-Lisa Meyer

Anna und Torsten beschließen, dass ihre erste große Trekkingtour auf dem Peaks of the Balkans über 192 Kilometer durch das Prokletije-Gebirge führen soll. Noch früh im Jahr unterwegs, werden sie auf dem Fernwanderweg durch Albanien, Kosovo und Montenegro von einigen Schneefeldern auf die Probe gestellt. Wie gut, dass sie auf ihrem Weg nicht nur die großherzige Gastfreundschaft der Einheimischen erfahren, sondern auch andere Trekker treffen. Schon bald in einer Gruppe unterwegs, lassen sich Anna und Torsten von Höhenmetern herausfordern und Gebirgsaussichten begeistern. Anna hat Reisetagebuch geführt – und beschreibt minutiös, was der Peaks of the Balkans bereit hält.

Wohin verreisen?

Nach Finnland sollte es dieses Jahr gehen, früh im Jahr, wegen der Mücken. Oder doch lieber im Spätsommer, wegen dem finnischen Indian Summer? Oder Slowakei, Hohe Tatra mit geführter Hüttenwanderung. Das wollten wir doch schon lange machen. Verfügbar erst ab Mitte Juni. Mist. Der Urlaubstermin steht, aber das Ziel ist noch nicht klar. Vielleicht doch wieder in den Süden? La Palma und Mallorca hatten unser Wanderherz bereits erobert. Azoren oder Madeira, Klima top, Landschaft top, Flugpreis… Moment.

Die Entscheidung für den Peaks of the Balkans.

Der Urlaub rückt näher, was machen wir nur? Montenegro soll ja auch schön sein. Schnell im Online-Versandhaus den aktuellen Rother Wanderführer suchen, zack bestellt. Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch: „Peaks of the Balkans: Albanien, Kosovo und Montenegro“. Dreiländerrundweg und Tageswanderungen. Mit GPS-Tracks. Albanien? 192 km in 10 Tagesetappen. Kosovo? Kann man da hin? Das Internet überzeugt mit Landschaftspanoramen und Bilderbuchbergen. Du Torsten, wollen wir nach Albanien fliegen?

Die Ankunft.

Ein orange-gelber Mercedes-Bus vor grünem Berg und Häuschen bringt Trekker zum Peaks of the Balkans.
Shuttle-Bus zum Peaks of the Balkans.

Sonntag, 20.05.18
Der Flug ab Frankfurt ist schnell gebucht und beinahe verpasst. Nach einem filmreifen Endspurt durch Terminal 1 sitzen wir zusammen mit ein paar anderen Nachzüglern im Shuttlebus zum Flugzeug. Darunter ein Albaner mit dem wir schnell ins Gespräch kommen und einen Crashkurs in albanischer Geschichte absolvieren. Boarding Completed. Die kleine Flugmaschine soll uns in weniger als zwei Stunden in die Hauptstadt Albaniens bringen. Meine Nervosität steigt bei dem Gedanken an den Flughafen Tirana, der in meiner Vorstellung einem türkischen Basar gleicht. Die Realität sieht dann etwas anders aus: der Flughafen ist so überschaubar, dass sogar ich mich orientieren kann und die einzigen Menschen, die ich sehe, arbeiten dort oder saßen mit uns im Flieger.
Die ersten Schritte unter albanischer Sonne bringen uns schnell zum Schwitzen. Mit dem Kleinbus von Rinas Express geht es klimatisiert weiter in Richtung Innenstadt. Kleiner Tipp: Wenn man den Fahrer über das Ziel Shkodra informiert, hält er direkt am weiter führenden Busbahnhof in Tirana. Dort verschwinden unsere Rucksäcke zusammen mit dem Fahrrad eines älteren Herren im Anzug im Laderaum des Busses. Überhaupt tragen hier alle älteren Herren Anzug – ob sie im Hochsommer zumindest das Sakko ausziehen?

Traditionelles Essen als Begrüßung in Albanien.

Während der Fahrt wird der Bus langsam, aber stetig voller, zugestiegen wird nicht über Haltestellen, sondern per Zeichen, junge Männer bieten alten Frauen ihren Sitzplatz an und helfen beim Verstauen des Gepäcks, es wird viel geredet und gelacht, dazu läuft Techno-Musik. Wir verstehen nichts, grinsen aber die ganze Zeit. Wie die Fahrgäste den Busfahrer mit für uns unsichtbaren Zeichen zum Anhalten bewegen, bleibt uns ein Rätsel. Als der Bus das nächste Mal in Shkodra steht, nutzen wir die Chance und steigen an einem kleinen Park aus. Von dort sind es nur ein paar Minuten zu Fuß zu unserer ersten und einzigen gebuchten Unterkunft, das Eco Garden Hostel. Der Empfang von den Betreibern Fred und Roza ist sehr herzlich und zum Ankommen gibt es erstmal Kafe Turka und einen Raki. Nachdem wir unser Zimmer bezogen haben, führt uns Fred durch seinen Garten in dem einfach alles wächst: Feigen, Trauben, Kohl, Kartoffeln, Äpfel, Melonen, Artischocken, Bohnen, Kakis, Kräuter, Orangen, Granatäpfel, Kürbisse und und und. Im Sommer dürfen sich Gäste über ein reiches Angebot freuen; wir erfrischen uns mit kaltem Brunnenwasser und Minze.

Gaskartusche: Check.

Es ist Sonntagabend und wir müssen – bevor wir am nächsten Morgen aufbrechen – noch eine Gaskartusche für den Campingkocher kaufen. Zum Glück ist gleich um die Ecke ein kleiner Laden, der bis unter die Decke mit Dingen vollgestopft ist, die mit Gas zu tun haben. Nur der Verkäufer fehlt. Dieser hat unsere ratlosen Gesichter jedoch schon vom Imbiss auf der gegenüberliegenden Straßenseite aus erspäht und sogar die passende Kartusche parat.
Zum Abendessen folgen wir Freds Empfehlung: im Restaurant Peja Grill ist der Tisch mehr als üppig gedeckt, es gibt traditionelles Essen in Spitzenqualität, Kafe Turka wahlweise mit Zucker oder viel Zucker und einen super Service. Und das Ganze zu einem unglaublich günstigen Preis. Nachdem wir noch ein bisschen die Altstadt mit ihrem italienischen Flair erkundet haben, fallen wir ziemlich erschöpft in unsere Betten. Mittlerweile ist auch Torsten überzeugt, dass es keine schlechte Idee war, hier Urlaub zu machen.

Ein Parkplatz mit drei parkenden Autos vor Gebirgskulisse mit Grün kurz vorm Einstieg in den Peaks of the Balkans.
Kurz vor Gebirge.

Die erste Etappe auf dem Peaks of the Balkans.

Montag, 21.05.18
Der Wecker klingelt etwas zu früh. Wir müssen uns erst an die albanische Gelassenheit gewöhnen. Zum Frühstück gibt es Brot, Butter, Spiegelei, Käse, Feigenmarmelade und den obligatorischen Gurke-Tomaten-Teller, der uns noch öfters begegnen wird. Dazu natürlich Kafe Turka. Fred und Roza organisieren die Fahrt nach Thethi, wo die erste Etappe beginnen soll, und so stehen wir punkt 7:15 Uhr vor einem knallorangenen Geländebus. Nachdem uns ein Passant versichert hat, dass unser Fahrer der Beste ist, beginnt der wilde Ritt. Unterwegs hält der Bus am Baumarkt und liefert Pakete ab, stadtauswärts passieren wir eine absurd große Ansammlung von Möbelhäusern, die noch dazu alle gleich aussehen.

Auf dem Thertores-Pass.

Langsam kommen die Berge näher, die Möbelhäuser weichen großen Grundstücken mit Beeten und Feldern, die mit Pferden und Sensen bewirtschaftet werden. Nach einem Stopp an einem Mini Markt – der vorerst letzten Einkaufsmöglichkeit –, in den wie uns panisch mit Schokoriegeln und Wasser eindecken, wird die Straße schmaler und holpriger. Ein Stück weiter liegt rechts der Straße das Gefängnis Burgu i Koplikut. Vor der Bergkulisse sieht der Betonklotz unwirklich aus – auch die Vorstellung, innerhalb der Mauern nur die Spitzen des Gebirges sehen zu können, ist beklemmend. Und plötzlich sind die Berge nicht mehr am Horizont, sondern links und rechts von uns. Die Straße windet sich in engen Kurven immer weiter nach oben. Am höchsten Punkt des Thertores-Passes halten wir, um uns ein kleines Feriendorf näher anzusehen. Wunderschön gelegen mit Panoramablick auf die Berge gibt es hier winzige Holzhäuschen zum Übernachten und ein Restaurant. An einer Aussichtsplattform wird gerade gebaut.

Startpunkt des Peaks of the Balkans: Theth.

Als wir weiter fahren wechselt die Straße von Asphalt zu Schotter und Schlamm und ab jetzt wird es richtig interessant: Teilweise ist es so steil und uneben, dass wir froh sind, mit dem besten Fahrer schlechthin unterwegs zu sein. Wir kommen uns vor wie in einem dieser Simulatoren auf Rummelplätzen. Von außen betrachtet, dürfte unser Bus wohl mindestens genauso schaukeln. Ein normales Auto hat hier keine Chance. Eine Gruppe italienischer Motorradfahrer kommt uns entgegen und kann sich gerade so zwischen Bus und Abhang hindurch kämpfen. Ordentlich durchgeschüttelt und nicht minder gerührt von der Landschaft kommen wir nach vier Stunden im Ort Theth an. Die Häuser des Dorfes liegen weit im Tal verstreut, es gibt viele Gasthäuser und jedes einzelne sieht einladend aus. Aber wir haben uns ja für den Tag noch etwas vorgenommen, ziehen unsere Rucksäcke auf und laufen los auf dem Peaks of the Balkans.

Tschüss, Zivilisation.

Im Flussbett des Thethi wandern wir bergauf und passieren einige Brücken. Ab dem Örtchen Gjelaj wird der Weg, der durch einen Wald hinauf führt, noch steiler. Nach kurzer Zeit müssen wir uns eingestehen, dass wir die Kondition zu Hause gelassen haben und überlegen, wie wir am einfachsten an einen Strand in Kroatien kommen könnten. Aber was soll’s: Wir laufen weiter, aus dem Wald wird eine Blumenwiese und die Landschaft wird zunehmend felsiger.

Gebirgsaussicht vor blauem Himmel auf dem Peaks of the Balkans.
Das Prokletije-Gebirge geizt nicht in Sachen unvergessliche Aussichten.

Auf dem Weg zum Valbona-Pass.

Wir begegnen einer Gruppe Lastpferde, die den Weg anscheinend kennt, denn sie sind ohne menschlichen Begleiter unterwegs. Als wir um die nächste Kurve kommen, stehen wir vor einer kleinen, selbstgezimmerten Bar, die der Reiseführer schon angekündigt hat. Es gibt kühle Limo und Flia – ein Gericht aus gebackenem Teig und Milcherzeugnissen, das im Kosobe und Teilen Nordalbaniens meist als Mittagessen verzehrt wird. Und auf einmal ist alles gar nicht mehr so anstrengend. Gestärkt nehmen wir die letzten Höhenmeter zum Valbona-Pass in Angriff. Zwei Deutsche warnen uns vor den Schlangen, die es in dem vor uns liegenden Wald zuhauf geben soll. Glücklicherweise sehen wir keine. Nach dem Pass erstreckt sich vor uns das Valbona-Tal und wir sind erstmal sprachlos: Grau, grün und weiß; Felsen, Kiefern und Schnee. Mehr nicht: Kein Haus, kein Windrad, keine Stromleitung.

Gebirgsaussicht mit Tanne, Schnee auf Felsen und dramatischem Himmel auf dem Peaks of the Balkans.
Bergliebe könnte nicht schöner aussehen.

Über Schneefelder zum Valbona-Flussbett.

Der Pfad führt entlang steiler Hänge und Schneisen, teilweise noch so zugeschneit, dass wir einen alternativen Weg suchen müssen. Entlang der abschüssigen Schneeflächen, die in nahezu senkrechtes Nichts übergehen, setzen wir den Weg schweigend fort. Als der Berghang nicht mehr ausgesetzt ist und in Wald übergeht, können wir wieder aufatmen. Wir folgen teilweise Pferdespuren und dem GPS, denn der Weg und dessen Markierungen sind noch unter Schnee begraben. Im Wald kommen wir an mehreren Hütten vorbei: Imbissbars und Gasthäuser – aber alle noch geschlossen. Als wir im breiten Bett des Valbona-Flusses ankommen, fängt es an, zu donnern und zu regnen. Schnell wird es dunkler und wir bezweifeln, es noch bis zum Etappenziel zu schaffen.

Geselligkeit bei Raki und Kafe Turka.

Als wir an einem steinernen Bauernhaus vorbeikommen, beschließen wir nachzufragen, ob wir uns unterstellen dürfen. Sofort bittet man uns herein. Innen ist alles aus Holz, der Boden knarzt, die Decken sind niedrig, es riecht nach Feuer und Wärme. Aus einer Ecke hört man Wasser plätschern. Vielerorts werden Gebirgsbäche einfach durch die Häuser geleitet. Oft direkt in ein Spülbecken, dessen Wasserhahn dann permanent läuft. In der warmen Stube gibt es zur Begrüßung Raki und Kafe Turka für uns und den Vater der Familie. Der ist Lautenbauer und zeigt uns stolz ein paar Instrumente, die er angefertigt hat. Sie hängen an der Wand gleich neben Jesus, Gewehr und Taschenlampe.

Faleminderit.

Sohn Daniel kann ein bisschen Englisch sprechen, und so können wir uns mit seiner Hilfe und einem Internetübersetzer verständigen. Seine Mutter fragt, ob und was wir zum Abendbrot essen wollen: „Brot und etwas Käse bitte, danke.“ Wenig später tischt sie uns ein riesiges Abendessen nur für uns zwei auf – es besteht aus Brot, Bratkartoffeln, Gemüse, Käse, Joghurt, gebratener Wurst und sogar Bier. Wir lernen unser erstes albanisches Wort und werden es noch oft gebrauchen. „Faleminderit“, es bedeutet „danke“.

Gastfreundschaft im Gewitter auf dem Peaks of the Balkans.

Draußen ist es stockfinster, wir bekommen noch einen Raki und der Regen wird wohl so schnell nicht mehr aufhören. Nach dem üppigen Essen fragen wir zögerlich, ob es möglich wäre, hier zu übernachten. Kein Problem. Und so unterhalten wir uns weiter. Wir werden gefragt, welchem Glauben wir angehören. Als wir sagen „keinem“, können das unsere Gastgeber nicht verstehen. Später am Abend füllt sich die Stube weiter, noch zwei Töchter und ihre Freundin gesellen sich zu uns, alle können Englisch. Sie sehen aus, als ob sie gerade einen Mädelsabend in der Stadt verbracht haben. Nur: Welche Stadt? Und wie sind sie da hingekommen? Immerhin sind wir in einem Flussbett ohne wirkliche Straße, wir begreifen es nicht. Eine Tochter geht zur Schule in Tirana und die andere fängt im nächsten Jahr ein Studium in London an.

Zeit, zu schlafen.

So langsam haben wir das Gefühl, es könnte etwas eng werden, was die Schlafplätze angeht. Umständlich äußern wir unsere Bedenken und bieten an, dass wir auf dem Fußboden anstelle auf der Couch schlafen können – das macht uns nichts aus. Die Töchter schauen uns erst mit einem „Wir sind doch keine Tiere“-Blick an, sagen etwas auf Albanisch zum Rest der Familie und alle fangen an zu lachen. „Wir haben alle unsere eigenen Schlafzimmer, ihr habt die Stube für euch allein“, klärt man uns auf und wir lachen verlegen mit. Nach einer Weile sieht man uns die Müdigkeit wohl an und man wünscht uns eine gute Nacht. Wir beziehen jeder eine Couch und machen es uns gemütlich, draußen plätschert der Regen, und drinnen der Wasserhahn.

In einer urigen Hütte mit Holzinstrumenten an den Wänden, Teppichen und niedriger Decke.
Durchatmen in der Hütte eines Instrumentenbauers.

Tag zwei: Auf dem Peaks of the Balkans unterwegs nach Çeremi.

Dienstag, 22.05.18
Ausgeschlafen, geduscht und nach einem üppigen Frühstück inklusive Raki Nummer fünf und sechs verabschieden wir uns von unseren Gastgebern und machen uns auf den Weg nach Valbona. Die Sonne scheint über die Berge ins Tal und wieder staunen wir, an was für einem wunderschönen Ort wir gelandet sind.

Ein Mensch mit Trekkingrucksack geht auf einem Geröllfeld entlang, an dessen Seiten sich ein Bergmassiv hochzieht, durch das Licht bricht.

Barfuß durchqueren wir den Fluss und erreichen bald die Asphaltstraße, die uns zum gestrigen Etappenziel bringt: Das lang gezogene Städtchen Valbona sieht aus, als ob es sich in den nächsten Jahren zum Touristenmagnet mausern will. Es gibt einige Baustellen, viele Unterkünfte und Einkehrmöglichkeiten. Zur Hauptsaison dürfte hier einiges los sein. Wir folgen der Straße bis wir sie laut Wanderführer vor einer Brücke linkerhand verlassen müssen.

Auf der Suche nach dem Weg.

Ein bisschen ratlos stehen wir nun da, denn wo der Weg weiter gehen soll, ist nicht sofort klar. Weit oben an einem Geröllhang im Wald sehen wir zwei Leute mit großen Rucksäcken, die uns zuwinken. Dann ist das wohl unser Weg hinauf, aber so sicher sind wir uns nicht, da weder ein Pfad noch eine Markierung auszumachen sind. Auch wenn wir noch weiter oben im Geröll eine dritte Person erkennen können, drehen wir um und gehen nochmal auf Start bzw. zur Brücke zurück. Wer lesen kann ist klar im Vorteil, denn im Wanderführer steht auf einmal eindeutig, dass der Weg unterhalb der Brücke am Fluss entlang geht. Von hier aus geht es weitaus angenehmer auf einem Waldpfad bergan, immer begleitet vom Rauschen des Flusses Përroi Çeremit.

Trekking macht Freunde.

Wenig später treffen wir auf die zwei Wanderer, die wir schon von unten gesehen haben, Ole und Alex aus Berlin. Sie haben einen Hund dabei, der ihnen zugelaufen ist. Sie scherzen: „Er spricht nur Albanisch.“ Kurz darauf stößt noch Michelle aus den Niederlanden zu uns. Einstimmig beschließen wir, dass der Weg mal wieder weg ist. Nach einigem Hin und Her im Dickicht findet Torsten den Pfad hinter umgestürzten Bäumen und Geröll wieder, ab jetzt geht es wieder steil bergauf. Auf einer Wiese, die auf halber Höhe des Anstiegs liegt, machen wir Pause. Wir gelangen schließlich auf einen Fahrweg, der in einen Bergkessel und zu dem Etappenziel führt. Die steilen Felswände, die wir passieren, sehen mit den vielen Höhlen darin aus wie faule Zähne. Der Fahrweg geht wieder in ein Flussbett über, wir treffen auf ein paar Pferde und dann tauchen die Häuser des Örtchens Çeremi auf. Um das Idyll komplett zu machen, rauscht aus den Bergen auch noch ein Wasserfall ins Tal. Schon bald spricht uns ein Mann an, der uns Unterkunft anbietet. Obwohl er sich größte Mühe gibt, finden wir ihn aber nicht ganz überzeugend.

Gemütliche Unterkunft: Das Guesthouse Kujtim Goçaj.

Ein Stück weiter gelangen wir zum Guesthouse Kujtim Goçaj, das große Steinhaus und der Garten sehen sehr einladend aus. Gastgeberin Flora begrüßt uns mit Kuchen, Çai malit (einem Bergtee aus regionalen Kräutern, der überall anders schmeckt) und Bier. Hier lässt es sich aushalten, jeder sucht sich einen Platz im Grünen und genießt das Gefühl, für heute angekommen und versorgt zu sein. Für 20 € pro Person bekommt man hier eine einfache, aber saubere Unterkunft, Strom aus Solarpanels, mit etwas Glück eine warme Dusche (der Boiler lief anfangs nicht) und ein Abendessen, das seinesgleichen sucht. In einer kleinen Hütte wird im Holzofen frisches Brot gebacken, dazu gibt es selbstgemachten Käse und Butter, eine große Kartoffelpfanne, Byrek mit Spinat, Kraut mit Kartoffeln und Saurer Sahne und natürlich Tomaten-Gurken-Salat. Pappsatt und wohlig warm lassen wir uns noch zu einer Partie Domino mit Flora hinreißen, bevor wir in unsere Betten fallen.

Tag drei: Auf nach Doberdöl.

Mittwoch, 23.05.18
Am nächsten Morgen werden wir wieder von der Stille und den ersten Sonnenstrahlen, die ins Tal gelangen, geweckt. Jeder bezieht ein lauschiges Plätzchen im Garten oder spaziert umher, umringt von den Bergen. Es riecht nach frühem Morgen und nach… Krapfen? Tatsächlich, in der Küchenhütte wird schon wieder fleißig an einem üppigen Frühstück gearbeitet. Wenig später sitzen wir – tatsächlich! – versammelt um einen Berg Krapfen (Petulla), frischem Brot, Butter, Pflaumenmarmelade, Käse, Oliven, Kuchen, gebratenen Paprika. Als Proviant dürfen wir uns so viel mitnehmen, wie wir tragen können. Bald hat jeder seinen Rucksack gepackt, der Abschied ist herzlich und mit der Kraft der Krapfen starten wir auf dem steilen Fahrweg die nächste Etappe auf dem Peaks of the Balkans.

Bekanntschaft mit dem „Bärentöter“.

Michelle legt ein straffes Tempo vor, ich dagegen muss erstmal langsam in Schwung kommen. Sie verschwindet um eine Kurve und kommt kurz darauf ohne Rucksack und Wanderstöcke schreiend zurück gerannt: „Guys I’m really scared!!!“ So machen wir unsere erste Bekanntschaft mit einem stattlichen Exemplar der für die Region typischen Herdenschutzhunde, im Volksmund liebevoll Bärentöter genannt. Der graue Riese sitzt mittig auf dem Weg. Zwischen uns und ihm liegt Michelles Rucksack, den sie, um schneller flüchten zu können, abgeworfen hat. Sobald wir uns ihm nähern, fängt der Hund an zu knurren. Alex hat irgendwo gelesen, dass man so tun soll, als ob man etwas nach dem Hund wirft. Als die ersten imaginären Stöcke und Steine fliegen, tritt er den Rückzug an. Das funktioniert zwar immer nur kurz, aber als wir in Sichtweite des Besitzers kommen, pfeift er den Hund zurück und wir dürfen passieren. Er grüßt uns und wirft noch einen realen Stock in Richtung Hund, der sich weiter zurückzieht.

Auf dem Pass Qafa e Vranicës.

Der Fahrweg führt uns durch einen Wald und auf den Pass Qafa e Vranicës. An einer umgestürzten Grenzpyramide machen wir eine Pause, bevor wir Albanien verlassen und der Weg für ein kurzes Stück durch Montenegro verläuft. Wieder kommen wir durch einen Wald. Hier müssen wir noch einige Schneefelder überqueren. Dabei kommen uns zwei Einheimische entgegen, die auf einem Pferd ein Mädchen durch das schwierige Gelände führen. Sie war mit einer Jugend-Wandergruppe unterwegs und hat sich den Knöchel verletzt. Ein Krankenwagen kommt nicht in diese Gegend. Als sich der Wald lichtet, breiten sich vor uns große Wiesen aus, die über und über mit Krokussen und Schlüsselblumen bedeckt sind. Am höchsten Punkt der Etappe (Ćafa e Aljucit, 1902m) legen wir noch eine Pause ein. Weit vor uns sieht man schon das Tagesziel, das Hochtal Dobërdol. Hinter uns machen sich am Himmel Wolken breit, die nichts Gutes verheißen.
Weiter geht es auf einem Waldpfad, es riecht nach Kiefern und wir sehen Feuersalamander.

An der Hirtensiedlung Balqin.

Bergabwärts gelangen wir zu der Hirtensiedlung Balqin, die so früh im Jahr noch nicht bewirtschaftet ist. Wir erkunden einige der Hütten und kommen anschließend an einen Bach, den es zu überqueren gilt. Die starke Strömung rauscht in einem kleinen Wasserfall in die Schlucht und auf einmal überkommen mich Zweifel, dass ich weiter als einen Meter springen kann, wenn überhaupt. Trekkingstöcke, Donnergeräusche im Rücken und Adrenalin helfen aber doch trockenen Fußes auf die andere Seite. Doch das soll nicht lange so bleiben, denn als wir einen Steilhang queren, fängt es an zu regnen und kurz darauf hat uns das Gewitter eingeholt.

Ein Fluss wird von Gebirgstrekkern gequert.

Im Gewitter unterwegs.

Der Regen geht in Hagel über und der ausgetretene Pfad verwandelt sich schnell in einen Bach. In unmittelbarer Nähe schlagen Blitze in Bäume und Berghänge ein. Vor uns liegt eine Freifläche, die nur ungeschützt überquert werden kann. Hinter uns liegt der Bach, der mittlerweile viermal so groß sein dürfte und wir kauern unter ein paar Kiefern. Der nächste Blitz ist so nah, dass wir nur noch orange sehen und uns vor Schreck auf den Boden werfen. Ausharren oder weitergehen – wir wissen nicht, was wir tun sollen. Die Hagelkörner stechen wie Nadeln ins Gesicht. Auf einmal taucht ein Mann mit einem Schirm und einem Maschinengewehr auf. Wir fragen ihn, wie weit es noch bis Dobërdol ist. Er rät uns, an Ort und Stelle zu bleiben. Dann rennt er weiter in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Es wird nicht besser und kurzentschlossen laufen wir weiter. Über Geröll und an Felsen vorbei breitet sich nach einer letzten Anhöhe das Hochtal von Dobërdol vor uns aus.

Donnern im Hochtal von Doberdöl.

In dem natürlichen Kessel wird das Donnern noch mehr verstärkt und wir rennen den rutschigen Wiesenhang in Richtung der im Tal verstreuten Häuser. Torsten rutscht aus und schlittert ein Stück bergab. Durch den Hagel und die aufkommende Dämmerung erkennen wir eine junge Frau, die uns entgegenkommt. Ein reißender, brauner Strom trennt das Tal in zwei Hälften. Die Frau führt uns über eine schmale Holzbrücke auf die andere Seite zu einer der Holzhütten. Darin steht ein kleiner Ofen, den sie sofort anfeuert. In der Hütte gibt es noch Bänke und Decken. Die Frau zeigt uns noch das Nachbargebäude mit einem geräumigen Matratzenlager in der oberen Etage. Sie fragt mich, ob wir etwas zu Essen brauchen. Ich lehne dankend ab, zeige auf meinen Rucksack und sage, dass wir alles dabei haben. Sie führt uns zum Brennholzlager und macht sich dann auf den Rückweg durch den Regen zu ihrem Haus. In der Ferne sehen wir den Mann mit Schirm und Gewehr zurückkommen, jetzt aber in Begleitung eines kleinen Jungen. Dankbar kauern wir uns um den Ofen, schütten das Wasser aus den Wanderschuhen und hüllen uns in die Decken ein.

Die besten Nudeln der Welt.

Nach einer Weile klopft es an der Tür, unsere Retterin ist zurück. Sprachlos sehen wir zu, wie sie einen großen Behälter voll Nudeln in Fleischbrühe auspackt, dazu Brot, Käse und Oliven, außerdem noch Teller und Besteck für jeden. Wir können ihr nicht genug danken und sie macht sich gleich wieder auf den Rückweg. Die Nudeln waren und bleiben wahrscheinlich die besten, die ich je gegessen habe. 

Tag fünf: Auf dem Peaks of the Balkans nach Milishevc.

Donnerstag, 24.05.18
Als wir am nächsten Morgen aus der Hütte treten, ist es als ob wir an einem anderen Ort sind. Das ganze Hochtal strahlt grün in der Morgensonne, der braune Strom vom Vortag ist jetzt ein klarer Gebirgsbach. Nur ein Streifen Hagelkörner im Schatten und die noch immer nassen Wanderschuhe zeugen vom vergangenen Unwetter. Zum Frühstück machen wir zum ersten Mal von unserem mitgebrachten Proviant Gebrauch. Es gibt Porridge und Tee, der ein oder andere Krapfen findet sich auch noch im Rucksack. Alle sind ein bisschen froh, überlebt zu haben.

Bevor wir zu einem weiteren Tag auf dem Peaks of the Balkans aufbrechen, kommt unsere Retterin Elvisa vorbei, so können wir uns nochmal bedanken und verabschieden. Wir starten die Etappe auf der falschen Seite des Baches und mit einem großen Umweg. Der Aufstieg zum Kamm führt über einen steilen Wiesenhang und bringt den Kreislauf schnell in Schwung. Oben angekommen ist die Landschaft karger und uns stehen die bis jetzt größten Schneefelder bevor.

Durch große Schneefelder.

Sicherheit und Selbstvertrauen steigern sich mit jedem gequerten Schneefeld, trotzdem verliert man nicht den nötigen Respekt. Denn ab und zu kommt man doch ein paar Meter tief ins Rutschen. Schließlich erreichen wir einen Kammweg, auf dem ein ordentlicher Wind weht – doch die Aussicht ist wunderschön. Wir umrunden einen Gipfel und passieren dabei die Grenze nach Kosovo. Dort stehen wir dem Endgegner unter den Schneefeldern gegenüber. Beim Überqueren sagt keiner ein Wort und als wir endlich die andere Seite erreichen, können alle wieder aufatmen.

Roshkodoli-Pass mit Hund.

Während dem Anstieg zum höchsten Punkt der Etappe, dem Roshkodoli-Pass, schließt sich uns wieder ein Hund an. Außerdem treffen wir Ingrid und Maria, die auch froh sind, es über die Schneefelder geschafft zu haben: „Der Angstschweiß ist noch nicht getrocknet“. Zu siebt plus Hund beginnen wir den Abstieg durch ein Bilderbuchtal in Richtung des Ortes Roshkodol.

Umweg nach Milishevc.

Der anfangs schmale Bach wird zu einem immer größeren Fluss, der sich tief in das Tal eingeschnitten hat. Mehrmals müssen wir ihn furten. Kurz vor Roshkodol kommen wir mit einem Mann ins Gespräch, der aus dem Örtchen stammt, aber seit ein paar Jahren in Köln lebt und auf Elternbesuch im Kosovo ist. Mit Köllschem Dialekt empfiehlt er uns auf dem Fahrweg weiter bis zum Etappenziel Milishevc zu laufen. Im Gegensatz zum Wanderführer würden wir uns einen steilen Ab- und wieder Aufstieg sparen. Hier verabschieden wir uns auch von Ole und Alex, die in Roshkodol eine Unterkunft gebucht haben. Auf der Karte sah das Ziel so nah aus, trotzdem zieht sich der Fahrweg nochmal ziemlich. Zu allem Übel fängt es auch wieder an zu regnen. Am späten Nachmittag erreichen wir endlich Milishevc.

Ein verlassenes Dorf.

Laut Wanderführer gibt es hier ein Gästehaus und die Möglichkeit, privat bei Einheimischen unterzukommen. Doch das Dorf scheint so früh in der Saison noch gar nicht bewohnt zu sein. Langsam finden wir uns damit ab, die Nacht wohl im Zelt oder in einer der Hütten verbringen zu müssen. Ingrid und Maria versuchen mit lauten „Hallooooo“-Rufen doch noch einen Dorfbewohner ausfindig zu machen. Als wir den Ort schon fast komplett durchquert haben, hören wir von weiter oben ein „Halloooo“. In einem Haus weiter oben am Berghang sehen wir jemanden aus dem Fenster rufen. Wir rufen uns Fragen und Antworten zu, aber verstehen rein gar nichts, bis auf „Rauf kommen!“ Mit letzter Kraft und hoffend, sich nicht verhört zu haben, nehmen wir den Aufstieg zu dem rufenden Haus in Angriff.

Der Mann mit dem größten Lächeln Kosovos.

Oben angekommen begrüßt uns der Mann mit dem größten Lächeln Kosovos: Fazli Mulaj. Sein Haus besitzt einen wunderbar gemütlichen Schlafboden und in der kleinen Stube serviert er uns Suppe, Brot, Cola und Pralinen. Er spricht recht gut Deutsch und bei einem Kaffee erzählt er uns, dass er ein paar Jahre in Deutschland gelebt und auf der Insel Mainau als Gärtner gearbeitet hat. Frühjahr und Sommer verbringt er in Milishevc mit der Aufzucht von Rindern. Das Fleisch verkauft er am Ende des Jahres. Was an Milch übrig bleibt, verarbeitet er unter anderem zu Joghurt. Stolz zeigt er uns noch am selben Abend die Tiere, darunter auch Kälber. Die Schwestern Ingrid und Maria sind auf einem Bauernhof groß geworden und sagen, dass sie noch nie so gepflegte Kühe gesehen haben.

Tag sechs: Abstieg durchs Rugova-Tal.

Freitag, 25.05.18
Als wir aufstehen hat Fazli bereits die Kühe gemolken und ich darf das Herdfeuer in Gang halten und die Milch abkochen. Zum Frühstück gibt es dann die frische Milch mit Brotstücken und Zucker bestreut, dazu Joghurt. Fazlis Empfehlung, fein gemahlenen Kaffee und Zucker in die heiße Milch einzurühren schmeckt grandios. Wir sind richtig gerührt, als wir uns verabschieden müssen und aufbrechen. Diese Etappe auf dem Peaks of the Balkans beginnt mit einem kurzen, aber knackigen Aufstieg über die Kuhweiden von Milishevc.

Als wir die Passhöhe erreichen ist die Landschaft geprägt von Schneeresten, Krokussen, Enzian, Orchideen und flachen Latschenkiefern. Von einigen ist nur noch ein verkohltes, schwarzes Fleck übrig, so sieht man wohl aus, wenn man hier vom Blitz getroffen wird.

Drei Trekker auf dem Peaks of the Balkans.
Aussicht mit ganz viel „Oh, wow.“

Der Abstieg ins Rugova-Tal.

Der Weg geht auf gleichbleibender Höhe weiter, sodass alle genug Luft haben, um ausgiebig über Lieblingsessen und Rezepte zu reden. Wir erreichen den See Pusi i Magareve auf 2099m und kurz darauf beginnt der steile Abstieg ins Rugova-Tal. So steil und so lang, dass wir völlig entnervt und geschafft unten ankommen, direkt auf dem Gelände des Hotel Gryka. Dort kehren wir zu einem wohlverdienten Mittagsessen ein, Steak mit Pilzsoße und Salat musste es schon mal sein. Auch frisch gefangene Forellen kann man sich hier servieren lassen. Nach dem Essen möchte keiner so richtig weiter laufen, auch wenn nur noch ein Drittel der Etappe vor uns liegen würde. Der Hotelbesitzer führt Ingrid durch die Anlage und zeigt ihr die kleinen Holzhäuschen, in denen man übernachten kann.

Eine wohlverdiente Pause.

Es braucht nicht viel, um uns zum Bleiben zu überreden, wir beziehen drei der vier Bungalows. Außerdem beschließen wir einstimmig, die nächste Etappe zu schwänzen. Die ist zwar 23 km lang, aber auf Fahrwegen und Mittelgebirgsniveau und sicher nicht so spektakulär, als dass wir sie unbedingt ablaufen müssten…  Den so gewonnenen Nachmittag nutzen wir, um uns von einem Mitarbeiter des Hotels in die nahe Stadt Pejë fahren zu lassen, um noch etwas Proviant für die kommenden Tage auf dem Peaks of the Balkans einzukaufen.

Im Golf mit Blick durch den Unterboden durchs Rugova-Tal.

Zu sechst in einem 3er-Golf schießen wir durch das Rugova-Tal. Durch den Boden des Fahrzeugs kann ich zwar die Straße sehen, aber die Ausmaße der Schlucht, durch die wir fahren, lenken den Blick staunend nach draußen. Wären wir nicht zu faul gewesen, weiter zu wandern, hätten wir nichts von diesem Tal gesehen. Alles richtig gemacht. In Pejë angekommen, unternimmt unser Fahrer, der auch recht gut Deutsch spricht, eine Stadtrundfahrt mit uns. Die Stadt gleicht einem Ameisenhaufen, der Verkehr ist unüberschaubar, läuft aber reibungslos. Wie in Italien, nur ohne Hupkonzert. Jedes zweite Auto ist ein roter 2er Golf. Jedes dritte ein blauer. Wir werden an einem großen Supermarkt rausgelassen und plündern das Süßigkeitenregal. Wir sind im Paradies. Auf dem Rückweg hält unser Fahrer an einem Obst- und Gemüsestand und kauft für jeden von uns eine Banane. Noch einmal beeindruckt uns das Rugova-Tal. Dieses Mal haben wir sogar noch mehr Zeit zum Staunen, denn der Golf hat bergauf ganz schön zu kämpfen. Zurück im Hotel ist es auch schon Zeit fürs Abendessen. Wir sind gerade damit beschäftigt, die Speisekarte zu studieren, da kommen Ole und Alex ins Restaurant. Wiedersehen macht Freude! In großer Runde bestellen wir von jedem etwas und probieren reihum. Es wird ein langer Abend mit Bier und Raki.

Zeit für einen Pausentag.

Samstag, 26.05.18
Nach einem Omelett-Frühstück verabschieden wir uns ein zweites Mal von Ole und Alex. Für sie geht es über Pëje und Priština, der Hauptstadt Kosovos, wieder nach Hause. Der Rest der Truppe lässt sich von einem spartanischen Kleinbus bis kurz vor das Etappenziel des Tages fahren. Nur 3 Kilometer Asphaltstraße zu Fuß, und wir sind in einem für die Gegend sehr touristischen Ferienort, dessen Mittelpunkt das Hotel Guri i Kuq ist. Überall werden neue Ferienhäuser gebaut. Wir kommen in einem älteren, aber sehr großen Haus unter. Wie sich später herausstellt, ist es auch das Geburtshaus unseres Kellners im Hotelrestaurant. Nach unserem kleinen Tagesmarsch ist es auch schon bald wieder Zeit fürs Mittagessen und wir kehren bei bestem Wetter auf der Panoramaterrasse des Hotels ein. Das Essen kostet sehr wenig, ist aber durchweg lecker und frisch – und die Portionen sind riesig. Den Nachmittag verbringen wir auf der Terrasse oder mit dem Erkunden des Dorfes. Alle sind zufrieden mit der Entscheidung, sich einen Tag Auszeit vom Peaks of the Balkans zu gönnen. So plätschert der Tag dahin, bis wir wieder im Restaurant sitzen, und die Speisekarte durchprobieren.

Traditionelles Essen auf dem Peaks of the Balkans.
Kräfte aufladen im Hotel Guri i Kuq.
Markierung des Peaks of the Balkans.
Der Peaks of the Balkans ist wie folgt markiert: rot-weiß-rot im Kosovo, weiß-rot-weiß in Albanien und ein roter Kreis mit weißer Mitte in Montenegro.

Weiter geht es auf dem Peaks of the Balkans.

Sonntag, 27.05.18
Während Omelett-Frühstück Nummer zwei läuft im Restaurant ausschließlich Beyoncé. Unser Kellner entpuppt sich als ihr größter Fan. „Crazy in Love“ mit der Natur, welche die Tagesetappe für uns bereithält, beginnen wir den langen Aufstieg zum Jelenka-Pass. Der Pass ist mit 2255 m der höchste Punkt der ganzen Tour. Satte 850 Höhenmeter liegen zwischen anderthalb Tagen Faulenzen und dem Pass. Da braucht es erstmal eine Weile, um wieder in Gang zu kommen.

Postkarten-Panorama auf dem Weg zum Jelenka-Pass.

Die Gegend und der Wald sind allerdings so schön, dass man den gefühlt senkrechten Weg und die Anstrengung beinahe vergisst. Wir erreichen den ersten von zwei Seen, den Liqeni i Kuqishtë, den wir ein Stück im Uhrzeigersinn umrunden.

Danach folgt nach etwas Kraxelei über Felsen ein kurzer Abstieg auf eine Wiese mit Bachlauf. Inmitten des Postkarten-Panoramas steht ein Zelt. Wir plauschen kurz mit dessen Bewohner – einem Amerikaner, der seit drei Monaten auf Reisen ist. Dann folgen wir dem Bach zum zweiten See. Der Liqeni i Drelajve straht blau-grün vor der Bergkulisse und sieht aus wie gephotoshopt.

Gebirgsaussicht auf dem Peaks of the Balkans.
Fast zu schön, um wahr zu sein: Aussicht auf dem Peaks of the Balkans.

Höhenwandern par excellence.

Nachdem der See hinter uns liegt, geht es wieder steiler bergauf und der Wald geht in niedrige Kiefern und schließlich in Schneefelder über. Den eigentlichen Weg auf den Pass müssen wir wegen des Schnees umgehen und dafür noch ein paar zusätzliche Höhenmeter in Kauf nehmen. Oben angekommen genießen wir die Mittagspause und die Rundumsicht. Etwas weiter unten kann man schön den weiteren Verlauf dieser Etappe auf dem Peaks of the Balkans sehen: Der Weg führt auf einem Bergrücken entlang und laut Wanderführer erwarten uns 5,5 km pures Höhenwandervergnügen.

Wolfsspuren im Schnee.

Haben wir uns auf dem Jelenka-Pass erst die Schlechtwetter-Montur übergezogen, bringt uns die Kammwanderung bald ins Schwitzen. Denn die Sonne gibt hier oben wieder ihr Bestes. Wölfe und Bären sollen in dieser Gegend zu Hause sein. Zu sehen bekommen wir aber nur die ein oder andere Wolfsspur im Schnee. Auf dem Bergsattel Sedlo Zavoj passieren wir die Grenze nach Montenegro. Hier beginnt der Abstieg in das Tal Babino Polje.

Knieschmerzen beim Abstieg.

Leider hat mir mein Knie den Abstieg ins Rugova-Tal übel genommen: Sobald es bergab geht, fängt es höllisch an zu schmerzen. Da hilft auch der Anblick der Landschaft nicht, der trotz allem grandios ist. Unterwegs zeigt uns ein wahrscheinlich angetrunkener aber sehr zufriedener Schafhirte eine Abkürzung über seine Koppel. Die ist so steil, dass ich nur im Schneckentempo vorankomme. Zu guter Letzt machen uns Blitz und Donner wieder Beine, jedoch bleibt es diesmal trocken. Mit Kniebandage und Trekkingstöcken (jetzt wohl eher Krücken) schaffe ich es mit Ach und Krach bis zum Etappenziel. Für die Nacht kehren wir in der einzigen geöffneten Unterkunft ein. Das Eco Resort Hrid ist in keinster Weise zu empfehlen. Noch am selben Abend muss ich mir eingestehen, dass die Wanderung auf dem Peaks of the Balkans für mich hier wohl zu Ende ist, denn das Knie wird nicht besser.

Abkürzung der Etappe nach Plav.

Montag, 28.05.18
Omelett-Frühstück Nummer drei. Für die Etappe Babino Polje – Plav wählen Torsten und ich die Variante über die Landstraße, welche mit 11 km nur halb so lang ist wie die eigentliche Route. Michelle begleitet uns, während sich Ingrid und Maria die volle Strecke vornehmen. Wir verabschieden uns. Hoffen aber, dass wir uns in Plav wieder über den Weg laufen werden. Die Entscheidung des Abkprzens war gut, denn nach wenigen Metern komme ich wieder nur humpelnd voran. Der Plan per Anhalter zu fahren scheint nicht aufzugehen, denn uns kommen nur Autos entgegen. Darunter auch zwei Grenzpolizisten, die uns fragen, woher wir kommen. Die Antwort „Kosovo“ und der Anblick unserer Wandermontur scheinen zu genügen – und die Unsicherheit ist beseitigt. Nach einer gefühlten Ewigkeit hält doch ein junger Mann an, der in Richtung Plav fährt. Wir nehmen im Laderaum des Transporters Platz und werden von Schlaglöchern und Lachanfällen ordentlich durchgeschüttelt.

Eine Frau sitzt mit Rucksack auf der Ladefläche eines Transporters während ihrer Reise auf dem Peaks of the Balkans.
Im Transport nach Plav.

Ankunft in Plav.

In Plav angekommen finden wir, verglichen mit dem Standard der vergangenen Tage,  mit dem Camp Lake Views eine ziemlich luxuriöse Unterkunft. Direkt am Jezero-See gelegen, machen wir es uns im Biergarten gemütlich und erkunden anschließend die Stadt. Viel zu sehen gibt es nicht, aber wir finden ein Lokal, in dem wir ein hervorragendes Mittagessen bekommen: Das Caffe Park ist so hip, dass es gar nicht so recht in die Umgebung passen mag. Zurück im Hotel braucht jeder erstmal ein Nickerchen im Zimmer. Als wir uns zum Abendessen wieder im Biergarten treffen, dauert es nicht lange, bis Ingrid und Maria auftauchen. Wieder vereint, gönnen wir uns ein durchweg leckeres Drei-Gänge-Menü, wohl auch als Abschiedsessen.

Abbruch mit Tränen.

Torsten und ich haben beschlossen, den Peaks of the Balkans hier abzubrechen und am nächsten Tag mit dem Bus in Montenegros Hauptstadt Podgorica, und von dort weiter nach Dubrovnik zu fahren. Für die anderen drei bleiben noch zwei Etappen, um den Kreis nach Theth zu schließen. Wir verabschieden uns am Abend schon von Michelle, da sie am nächsten Morgen sehr früh aufbrechen will. Ich will nicht abbrechen und auch nicht „Goodbye“ sagen müssen, ich will nicht, dass die Reise endet. Aber irgendwann kommen dann doch die Tränen.

Ausklang des Peaks of the Balkans.

Dienstag, 29.05.18
Michelle fehlt bei Omelett-Frühstück Nummer vier. Nachdem wir uns auch von Ingrid und Maria verabschiedet haben, geht es mit dem Bus nach Podgorica. Dort angekommen haben wir noch etwas Zeit bis der Anschluss nach Dubrovnik fährt. Zum Glück, denn die Ladeklappe des Busses geht nicht mehr auf und wir kommen nicht an unsere Rücksäcke. Nach einigem Bangen und Warten gelingt es schließlich doch und bei 33°C tingeln wir träge durch die Innenstadt. Dabei treffen wir Max und Svetlana aus St. Petersburg, die auf der Suche nach einem Outdoor-Shop sind. Sie brauchen noch eine Gaskartusche für ihre Trekkingtour im Norden Montenegros. Da wir unsere Kartusche nicht mehr brauchen und sowieso nicht mit in das Flugzeug nehmen dürften, schenken wir sie den beiden. Als Dank laden uns die beiden zum Mittagessen ein.

Fast allein im Bus.

Im Bus nach Dubrovnik sind wir später fast die einzigen Passagiere. Wir fahren durch Schluchten, entlang der Bucht von Kotor und Kroatiens Küstenstraße – mit so viel Sightseeing hätten wir gar nicht gerechnet. Nach insgesamt elf Stunden Busfahrt kommen wir gegen 21 Uhr ziemlich erschöpft im Hafen von Dubrovnik an. Die Suche nach einer Unterkunft gestaltet sich einfacher als gedacht: Die Inhaberin einer Pizzeria vermietet auch kleine aber feine Gästezimmer und hat noch etwas für uns frei. Nachdem wir ihre Pizza und kroatisches Bier getestet haben, fallen wir ins Bett.

Im Trubel Dubrovniks.

Drei Tage verbringen wir noch in Dubrovnik. Der Trubel der Stadt ist ein krasser Gegensatz zur Bergeinsamkeit der letzten Tage. Jeden früh, wenn wir aus unserem Appartement schauen, stehen zwei bis drei neue, riesige Kreuzfahrtschiffe im Hafen. Täglich spulen mehrere Tausend Touristen ihr Dubrovnik-Programm ab: Stadtmauer, Altstadt, Game-of-Thrones-Führung, Ćevapčići. Wir beobachten das Spektakel gelassen und schlendern zwischen Lieblingsbar, Badebucht, Sunset-Kanutour, Eisdielen und Restaurants hin und her bis wir am 02.06.18 zurück nach Deutschland fliegen.

Über die Autorin.

Zwei Trekker mit Rucksäcken auf dem Peaks of the Balkans.
Torsten und Anna auf dem Peaks of the Balkans.

Anna hat gemeinsam mit ihrem Partner Torsten das Wandern 2014 für sich entdeckt. Erste gemeinsame Reisen führten beide nach Tirol und auf die Insel La Palma. Seitdem entdecken sie immer wieder bevorzugt bergige Regionen, auch gerne eher unbekannte Ziele. So ging es dann auch auf den Peaks of the Balkans – ihre bisher größte Trekkingtour. Neben einsamen Landschaften mögen Anna und Torsten gutes Essen und jagen kulinarischen Highlights hinterher, wie dem sensationellen mallorcinischen Kanincheneintopf oder südtiroler Kräuterlimonade. Daheim auf dem Dorf stromern sie im Wald umher oder fahren mit Klapprädern zum Eis essen. Ansonsten sind beide auch große Netflix- und Pizza-Junkies. Doch nach einem Tag auf der Couch treibt es sie immer wieder nach draußen und sie sind gespannt, was es alles durch Kinderaugen wieder und neu zu entdecken gibt – denn seit April 2019 sind Anna und Torsten Eltern einer kleinen Tochter.

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